Ich habe Nicht-Magersucht und Keine-Prüfungsangst

Bericht eines Betroffenen (Verfasser möchte anonym bleiben):

Ich war ungefähr 16 Jahre, als mein Vater damit anfing. Auslöser war wohl, dass ich ziemlich dünn geworden war, nachdem ich seit ungefähr einem Jahr irgendwie immer zu knapp aus dem Bett kam und vor der Schule nicht mehr frühstückte. In der Schule hatte ich dann logischer Weise auch nichts dabei – keine Zeit, was einzupacken, keine Lust, mein Taschengeld für pappige Schulbrötchen auszugeben.

„Kann es sein, dass Du eine Essstörung entwickelt hast?“ Mir fiel sprichwörtlich alles aus dem Gesicht. Ich musste spontan lachen. „Wie kommst Du denn darauf?“ antwortete ich damals. „Naja,“ fuhr er fort, „Du bist ganz schön dünn geworden. Vielleicht ist unsere Scheidung ja doch nicht so spurlos an Dir vorbei gegangen, wie Du immer tust?!“ Whaaat? Und jetzt kommt gleich wieder … und da war es schon … „Geht´s Dir gut bei Mama? Verschweigst Du mir was?“ „Nein, Papa, alles in Ordnung, bis auf dass Du andauernd irgendwo Flöhe husten hörst.“ „Siehst Du? Du kannst ja nicht einmal mehr Ernst bleiben bei dem Thema! Das ist ein Symptom für Magersucht: Verschleierung durch Herabspielen.“ Ich kotze gleich. Papa ist mal wieder am Beweise sammeln. Egal, was ich jetzt sage, es wird alles ein Beweis oder Indiz dafür sein, dass er doch Recht hat. „Papa. Mir geht´s gut bei Mama. Und jetzt hör´ auf, ja?“ „Hmmmm, klar.“ Und da ist es wieder, das wissende, sorgenvolle Grinsen. „Du machst das schon. Aber wenn was ist, ich bin immer für Dich da.“ „Weiß ich doch, Papa.“ Man* könnte ja meinen, damit wäre es gut. Aber hier reden wir von meinem Vater, meinem Freund und Helfer.

Etwa ein halbes Jahr später hatte er für mich einen Termin bei einer Therapeutin gemacht und Mama überzeugt, die Hälfte der Therapiekosten zu übernehmen. Mama hat schließlich auch nur noch die Augen verdreht und eingewilligt, damit mal Ruhe ist. Mein Vater meinte es gut: „Einfach nur als Angebot für Dich – da kennt sich jemand aus und kann Dir helfen herauszufinden, ob da doch was ist, was du verdrängst.“ Na klar. Wenn ich dann meine Ruhe habe. Es kam natürlich nichts bei der „besten Therapeutin der Spezialisierung auf Essstörungen in der Stadt“ heraus. Und mein Vater? „Junge, ich habe Dich echt unterschätzt, Du betreibst Deine Selbsttäuschung und die Täuschung aller Außenstehenden bis zur Perfektion, dass sogar die besten Therapeuten darauf hereinfallen. Aber was bringt Dir das? Irgendwann wirst Du zwangsernährt, wenn Du so weitermachst.“ Ein halbes Jahr später war es aber immer noch nicht so weit. Meine Eltern sind beide schlank, ich bin es auch. Und inzwischen ist mein Alltag so, dass ich auch wieder zum Frühstücken komme. Ohne Zwangsernährung. Das Thema ist also jetzt auch für meinen Vater vom Tisch.

Gestern war mein Vater zu Besuch. Wir waren spazieren und haben uns eigentlich ganz gut unterhalten. Dann hat er mich gefragt: „Wie geht´s denn Mama?“ „Ich glaube, ganz gut. Letzte Woche haben wir telefoniert, war nichts besonderes.“ Pause. „Junge, kann es sein, dass Du gerade gar nicht studierst? Kann es sein, dass Du Prüfungsangst hast?“ … Ja, Papa. Klar, Papa. Wenn es Dich beruhigt.

„Da ist wohl nichts zu machen, Papa“ denke ich. „Irgendwas findest Du immer.“

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